RAPEX: Gefährliche YAMAHA Motorräder

RN1210.01.2007/KB Die YAMAHA Motor Deutschland GmbH leitete in der jüngsten Vergangenheit drei Rückrufe von Motorrädern ein. Die Medien berichteten am 16. Oktober 2006 über den Rückruf von acht Modellen, der FZ-6, der FZ-6 Fazer, der XT 660 R/X, der TDM 900/A wie auch der YZF-R1, der FJR 1300/A, der MT-01 und der XV 1700PC. Am 26. Oktober 2006 folgte der Rückruf des Modells XV 1600, nachdem bereits am 6. Oktober für dieses Modell eine Warnung herausgegeben wurde – die Motorräder sollten nicht mehr bewegt werden. Und am 10. November 2006 erfolgte der Rückruf des Modells YZF-R6.

In der Zeitschrift MOTORRAD vom 8. Dezember 2006 äußerte sich Christian Boe, Geschäftsführer der Yamaha Motor Deutschland GmbH, «zur Situation der Marke». Herr Boe macht darin deutlich, dass für YAMAHA «Sicherheit und Zufriedenheit» der Kunden «oberste Priorität» haben, und dass das auch «in der Zukunft so bleiben» wird. Dies belegt er mit der angeblich «konsequenten Art und Weise», wie YAMAHA notwendige Rückrufaktionen umsetzen würde.

Der Interviewte möchte offenbar den Eindruck erwecken, das «zeitliche Zusammentreffen der drei aktuellen Rückrufe» sei als «reiner Zufall zu betrachten». Was den Rückruf von zahlreichen Modellen wegen fehlerhaft konstruierter Drosselklappensensoren anbelangt, stellt sich die Sachlage vielleicht anders da. Erstmals dokumentiert ist das Problem in einem US-Internetforum im September 2004: DANGER-2004 R1 Cuts Out- UPDATE. Bereits bei der Lektüre von über 1.500 Beiträgen zum Thema entsteht beim Leser der Verdacht, dass Yamaha das Problem zu ignorieren suchte. Erst am 9. Dezember 2005 berichtete MOTORRAD auf der Basis eines anonym zugespielten Technischen Rundschreibens (YAMAHA TECH-INFO) darüber, dass fehlerhafte Drosselklappensensoren an den Modellen R1, FZ6 und T-Max zu Aussetzern und zum Absterben des Motors führen können.

In der Folge bestätigte das Kraftfahrt-Bundesamt (KBA) in Flensburg in der Sache mit Yamaha in Gesprächen gewesen zu sein. So heißt es im Schreiben des KBA vom 3. Februar 2006 an den Produktverantwortlichen von YAMAHA wörtlich:

Sollte sich Ihr Erkenntnisstand bezüglich des obigen Mangels, speziell im Hinblick auf das Absterben des Motors während der Fahrt, ändern, oder sollten Ihnen Unfälle bekannt werden, die auf den Mangel zurückzuführen sind, bitte ich Sie, mich unverzüglich darüber zu informieren.

Im März 2006 druckte die Zeitschrift MO fast das ganze Technische Rundschreiben (TECH-INFO) ab und wies mit dem Stilmittel eines Leserbriefes auf erhebliche Mängel für die Verkehrssicherheit hin («STEUERUNGS-PROBLEM: YAMAHA YZF-R1») Im Leserbrief war folgende Passage enthalten:

Erst wenn ich die Kupplung kommen lasse und das Hinterrad etwas wegrutscht, merke ich es durch den Ruck, der den Motor wieder in Gang bringt …, aber viel mehr habe ich Angst davor, aus einer Kurve zu fliegen …

Am 23. Mai 2006 leitete das Office of Defects Investigation (ODI) der US-Sicherheitsbehörde NHTSA eine Untersuchung (PE06020) gegen die Yamaha Motor Corporaton USA ein. Hintergrund dieser Preliminary Evaluation waren zahlreiche Beschwerden von Betroffenen in den USA, Meldungen über Unfälle sowie das bekannt werden der YAMAHA TECH-INFO in den USA. Diese Untersuchung wurde erst am 05. Oktober 2006 beendet, nachdem Yamaha freiwillig einen Rückruf (06V371000) einleitete. Der Rückruf war ursprünglich auf den 11. Oktober 2006 angesetzt, wurde dann aber auf den 16. Oktober 2006 verschoben. Aufgrund der zeitlichen Nähe zur Motorradmesse INTERMOT (11. bis 15. Oktober 2006) kann man nur mutmaßen, dass die Verschiebung damit zusammenhängen könnte. Eine bereits am 26. Juli 2006 von der YAMAHA Corp. angebotene Aktion unter dem Namen «modification» für die Modelle YZF-R1 und FZ6 war der US-Sicherheitsbehörde offenbar nicht ausreichend.

Am 16. Oktober 2006 versuchte das Unternehmen in Deutschland durch gezielte Information den Eindruck zu erwecken, Phänomene im Zusammenhang mit den fehlerhaft konstruierten Drosselklappensensoren wären «nicht sicherheitsrelevant». In der Folge erhielten die Besitzer in Deutschland Rückrufschreiben, in denen der Mangel nicht präzise bezeichnet ist. Es wird ferner auch nicht auf die möglichen Folgen des Mangels hingewiesen. Denn tatsächlich handelte sich um eine als «Rückruf» bezeichnete Maßnahme nach § 35 Abs. 2 Nr. 1 StVG «zur Beseitigung erheblicher Mängel für den Straßenverkehr». In England wurden die Besitzer der betroffenen Motorräder von YAMAHA UK wie folgt in den Rückrufschreiben gewarnt:

…, whereby under certain circumstances, the idle speed of the engine may become intermittently unstable. In rare cases, this may result in the engine stalling where the machine is stationary or even in certain circumstances, when travelling at low speed and in the extreme, with the potential for the loss of full control of the machine.

Nur in Deutschland informierte Yamaha die Kunden nicht umfassend. Im US-Text ist der Sachverhalt am Besten beschrieben:

Summary:

ON CERTAIN MOTORCYCLES, AN IMPROPERLY DESIGNED THROTTLE POSITION SENSOR COULD CAUSE AN INTERMITTENTLY UNSTABLE IDLE WHEN THE ENGINE IS AT IDLING SPEED WHEN THE MOTORCYCLE IS STOPPED OR DURING LOW-SPEED
OPERATIONS. THE ENGINE COULD STALL AS A RESULT.

Consequence:

IF THE ENGINE STALLS AFTER THE OPERATOR DISENGAGES THE CLUTCH IN A LOW GEAR WHILE RIDING, THE REAR TIRE MIGHT SLIP MOMENTARILY IF THE OPERATOR ABRUPTLY REENGAGES THE CLUTCH. THIS COULD RESULT IN A CRASH WITH INJURY OR DEATH.

Was der Öffentlichkeit auch bis heute nicht bekannt gemacht wurde: Die drei Rückrufe von YAMAHA sind im RAPEX System der Europäischen Union gelistet. Die betroffenen Motorräder sind demnach als gefährliche Produkte gekennzeichnet:

RAPEX is the EU rapid alert system for all dangerous consumer products

Die wegen fehlerhaft konstruierter Drosselklappensensoren zurückgerufenen Motorräder sind in der Woche 42/2006 gemeldet worden (0672/06). Alle YAMAHA Motorräder, die als gefährliche Produkte eingestuft werden, lassen sich über die RAPEX-Suche abfragen. Im Falle der YZF-R6 erfolgte auf die Warnung von Griechenland sogar eine erweiterte Warnung von Spanien. Über die RAPEX-Meldung und ihren Wortlaut haben die Deutschen Medien bis heute nicht berichtet.

Im Fall der Drosselklappensensoren griff die deutsche Presse häufig auf die YAMAHA Presse-Erklärung zurück, in der behauptet wird, es würde keine Gefahr bestehen, und der Motor würde nur nach längerem Leerlauf ausgehen. Die RAPEX-Meldung lautet anders und markiert diese Motorräder folgerichtig als gefährliche Produkte.

Ob in Zukunft auch die Deutschen Motorrad-Besitzer bei Rückrufen korrekt unterrichtet werden, und zwar nach den Erfordernissen der Anlage 7 des Kodex zur Ausführung des Geräte- und Produktsicherheitsgesetzes (GPSG) bei Straßenfahrzeugen, ist nicht bekannt.

Der Artikel ist am 4. Januar 2007 bei der Readers Edition erschienen.

Advertisements

Kommentare sind geschlossen.

%d Bloggern gefällt das: